Wie Zucker zu einem der wichtigsten wirtschaftlichen Güter aufstieg

Jeder weiß, dass Schokocroissants, Fruchtjoghurts oder Marmelade nicht gerade die gesündesten Lebensmittel für ein ausgewogenes Frühstück sind, doch der Zucker macht diese für viele einfach unwiderstehlich.

Warum essen wir trotzdem soviel Zucker, obwohl wir wissen, dass wir zuviel zu uns nehmen?

Um diese Frage zu beantworten und wie es zu dem starken Anstieg von Zucker kam, ist ein Blick in die Geschichte notwendig. Diese ist sehr gut im Buch: Die süße Macht: Kulturgeschichte des Zuckers von Sidney W. Mintz beschrieben wird. Wie viele sicher schon erahnen können, ist der steigende Zuckerkonsum keine natürliche Änderung unser Ernährungsweise, sondern basiert viel mehr auf wirtschaftlicher Motivation.

Der erstmalige Konsum von Zucker ist Luxus

Wenn man in die Geschichte zurückblickt, dann sieht man, dass unsere europäischen Vorfahren lange nur von Zucker träumen konnten und er als Luxusprodukt galt. Erst mit dem Einzug der Industrialisierung und Massenproduktion wurde der Zuckerkonsum so gefördert, bis er in allen gesellschaftlichen Schichten ein fester Bestandteil der täglichen Nahrung war. Wie dies im Detail passiert ist, wollen wir im folgenden kurz darlegen und damit die spannenden Fragen beantworten:

Wie kam es dazu, dass Zucker heute in fast allen industriell gefertigten Nahrungsmittel (bspw. auch Wurst) enthalten ist? Wer profitiert und unterstützt übermäßigen Zuckerkonsum?

Wann Zucker das erste mal von Menschen konsumiert wurde, ist nicht vollständig geklärt, aber die Geschichte kann wie folgt rekonstruiert werden:

  • 400 – 800 nach Christus: Zucker wird bereits in sehr bescheidenen Mengen hergestellt. Dies geschah im heutigen Pakistan, Indien sowie an der Grenze zwischen Iran und Irak. Davor finden Historiker keine Erwähnungen von Zucker.
  • 627: Der Byzantinische Kaiser Herakleios beschreibt, wie er den persischen Königspalast erobert und nennt Zucker ein „indisches Luxusgut“.
  • 700 und 800: Mit der Eroberung der Araber von großen Teilen Nordafrikas und Südeuropa kam der Zucker nach Europa. Zucker wird erstmals in Malta, Spanien, Marokko und Zypern angebaut.
  • Bis 1000: Zucker ist bis dahin in Nordeuropa unbekannt.
  • Ab 1095: Kreuzzüge vertrieben die Araber und das spanische Königreich übernahm hauptsächlich die Zuckerproduktion.
  • Bis ins 1400: Zucker wird nur in Medizin verwendet und heißt „Apotheker-Zucker„.
  • 1492: Columbus entdeckt Amerika und legt die Grundlage für den Kolonialen-Zuckeranbau (später mehr).
  • 1715: Englischer Arzt empfiehlt Patienten Zucker als Zahnputzmittel.
  • 1747: Das Kochbuch The Art of Cookery erwähnt Zucker erstmals in England und die Mittelschicht zeigt Interesse an dem bisher unbekannten Produkt.

 

Exkurs Nahrungsgrundwissen: Überall auf der Welt ist die Nahrung traditionell um ein „Basis-„Lebensmittel herum aufgebaut, das komplexe Kohlenhydrate liefert. Beispielsweise Reis in Asien, Kartoffeln oder Weizen in Europa. Unser Körper spaltet diese komplexen Kohlenhydrate dann in Zucker auf und wandelt diese anschließend in Energie um. Dieser Mechanismus sorgt dafür, dass der Zucker nur langsam ins Blut gelangt. Anders ist es wenn man Zucker direkt konsumiert: er liefert unserem Körper direkt Energie und hat dadurch einen gewissen aufputschenden Effekt.

Die aufputschende Wirkung führte dazu, dass Zucker bis ins 14. Jahrhundert hinein im arabischen und europäischen Raum vor allem als Grundstoff für Medizin verwendet wurde. Er wurde gegen Fieber, Reizhusten, Brust- und Magenschmerzen eingesetzt. Sehr grotesk: Noch im 17. Jahrhundert empfiehlt der Arzt Fr. Frederick Slare seinen Patienten Zucker zum Zähneputzen. Die Wichtigkeit von Zucker wird auch durch das Sprichwort: „Wie ein Apotheker ohne Zucker“ zum Ausdruck für Verzweifelung verwendet. Daneben hat Zucker auch den Vorteil, dass er Lebensmittel wie Marmeladen oder kandierte Früchte und Nüsse haltbar macht.

Fazit: Noch vor weniger als 300 Jahren haben Menschen Zucker nur in sehr geringen Mengen in Arzneimitteln konsumiert. Im Folgenden wird gezeigt, wie der Zucker vom Luxus zum Massenprodukt wurde.

Wie Zucker vom Statussymbol zu Reichtum und Macht beiträgt

In England war Zucker nicht nur ein Statussymbol, sondern auch die Quelle von Reichtum und Macht. Nachdem im 12. Jahrhundert Zucker erstmals nach England gekommen war, wurde er bei großen Banketten und Staatsempfängen als Zwischengang serviert. Dieser sogenannte Subtleties besteht aus Zuckerkunstwerken. Doch die Adligen waren klug: anstatt Zucker nur zur Schau zu stellen und die Mittelschicht neidisch zu machen, konzentrierten sich die Mächtigen auf seine ökonomische Verwertbarkeit. Dass Zucker pro Hektar Anbaufläche die meisten verwertbaren Kalorien von allen Pflanzen abwirft, machte ihn wirtschaftlich und agrawirtschaftlich äußerst interessant.

Es wurde also nicht die Frage gestellt: Ist Zucker gesund – sondern: was kann verdient werden und wie kriegen wir viele Menschen schnell satt.

Wie im folgenden noch genauer gezeigt wird: die Geschichte von Zucker ist also nicht eine Geschichte wandelnder Essgewohnheiten, sondern politisch gewollt und wirtschaftlich motiviert. In kurzer Zeit entwickelte sich Zucker zu einem wichtigen Wirtschaftsgut und war die Ausgangslage von Wohlstand und Macht in Großbritannien.

Der Zucker und die Sklaverei

Jeder kennt die Bilder aus Filmen wie Django Unchained: eine riesengroße weiße Villa im Kolonialstil, davor sitzt in einem Schaukelstuhl ein dicker Plantagenbesitzer im Schatten, während schwarze Sklaven auf der Plantage schwitzen und arbeiten müssen. Doch nicht nur die Plantagenbesitzer waren die einzigen, die am Zuckerhandel gut verdienten.

Auch der britische Fiskus verdiente gut an Steuern und Zöllen, weshalb auch dieser an einer Erhöhung der Zuckerproduktion interessiert war. Zudem schien der Appetit des Volkes unersättlich zu sein, denn auch immer steigende Produktionsmengen wurden direkt abgesetzt. Der hauptsächliche Grund, warum Zucker die Herzen der Europäer erobert hat, liegt vor allem an seinem einmaligen süßen Geschmack und weil Zucker unserem Körper schnell Energie liefert, ist eine gewisse Vorliebe bereits angeboren.

Durch die Lieferung von Tüchern und Arbeitsgeräten an die Zuckerrohrplantagen in den Kolonien, welche in Großbritannien produziert wurden, entstand einer blühender Handel, der die inländische Wirtschaft stärkte. Neben den englischen Fabrikbesitzern profitierten ebenso Reederer und Kaufleute, die Geschäfte abwickelten.

Dieses System lief so gut, dass im Laufe des 18. Jahrhunderts die britischen Exporte in die karibischen und nordamerikanischen Kolonien um 2300% stiegen.

Doch auch die Mittelschicht verdiente mit. Viele Anwälte, Tuch- und Kolonialwarenhändler, Friseure, Schneider, Schuhmacher und Ärzte investieren ihre geringen Ersparnisse in Schifffonds, die Sklaven von Afrika in die Karibik schifften. Das in unseren Köpfen vorherrschende Bild müsste also ebenso noch die oben genannten Personen erweitert werden, denn jeder verdiente mit und alle wollten noch mehr Zucker haben.

Der Einfluss und die Macht der britischen Zuckerlobby

Die Zuckerlobby in Großbritannien bekam nicht genug und erfand immer kreative Wege um den Zuckerkonsum in der unteren Bevölkerungsschicht zu steigern. 1731 wurde beispielsweise beschlossen, dass jeder Matrose pro Tag einen Viertelliter Rum (aus Zuckerrohr hergestellt) bekommt und am Ende des Jahrhunderts sogar auf 0,5 Liter erhöht. Auch die Armenhäuser wurden von Behörden mit Zucker- und Siruprationen beliefert. Zudem wurde in der Politik Zucker eine „beruhigende und balsamische“ Wirkung zugesprochen.

Doch die Zuckerlobby gab sich nicht nur mit Absatzförderung zufrieden. Mittlerweile setzte sie sich uch für den Freihandel ein, damit die Steuern und der Marktpreis von Zucker sinken und versprach sich durch den erhöhten Konsum weitere Gewinne.

Wichtig ist zu verstehen, dass der enorme Anstieg des Zuckerkonsums also nicht ausschließlich eine von Natur aus entstandene erhöhte Nachfrage nach Zucker ist, sondern dass die Nachfrage auch politisch und wirtschaftlich gezielt herbeigeführt wurde, denn das ganze wirtschaftliche System (Jobs und Spareinlagen d. Mittelschicht, Steuereinnahmen, günstige Nahrung für Arme, Gewinne für Industrielle) hing davon ab.

Die Zuckerproduktion stieg weiter an und hatte sogar Auswirkungen auf die Weltwirtschaft.

  • 1800 Zuckerproduktion: 245.000 Tonnen
  • 1890 Zuckerproduktion: 6.000.000 Tonnen

Zu dieser Zeit war die Industrialisierung in der Karibik auf den Zuckerplantagen schon weiter voran geschritten als in Großbritannien selbst. Ursache hierfür war, dass Zucker schnell und gezielt verarbeitet werden musste, es nur kurze Erntezeiten gab und eine Vielzahl an Arbeitern zu koordinieren war. Dadurch gilt Zucker als eines der allerersten Massenkonsumgüter. Mit dieser Veränderung (Industralisierung) kam die Landflucht und es entstand die Klasse der Proletarier: Lohnarbeiter, die kein Land besitzen und nur Ihre Arbeitskraft verkaufen konnten.

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Sklaven auf politischen Druck befreit. Doch ihr neues Leben im Proletariat verbesserte Ihre Situation nur wenig und sie mussten weiterhin den ganzen Tag hart arbeiten um sich überhaupt ernähren zu können. Während in England die gesamten Gewinne von der britischen Regierung, den Plantagenbesitzern und den Anlegern abkassiert wurden.

Wie Zucker die gesamten Essgewohnheiten verändert

Mit dem steigendem Zuckerangebot veränderte sich die traditionelle britische Ernährung: der bisherige Hauptbestandteil jeder Mahlzeit, die komplexen Kohlenhydrate, wurden immer mehr durch Fette, Eiweiß und einfache Kohlenhydrate ersetzt (und hatten nicht mehr die Funktion, den Hauptbestandteil genießbarer zu machen). Dieser Trend wird noch verstärkt, als Frauen anfangen zu arbeiten und weniger Zeit zum Kochen verbleibt.

  • 1900: 1/6 der Kalorien, die Menschen in England zu sich nehmen, ist Zucker. Jeder Britte nimmt 45 Kilo Zucker zu sich, das sind 100 Gramm pro Tag.

Fazit: Nur innerhalb weniger Jahrhunderte hat sich Zucker von einem seltenen Luxusprodukt zu einem Massenprodukt entwickelt. Ob Sklavenhandel oder die Veränderung zum Freihandel, Zucker und die dahinter stehenden wirtschaftlichen Interessen waren immer ein zentraler Bestandteil. Auch wenn es oft geleugnet oder als „Verschwörungstheorie“ bezeichnet wird, anhand von Zucker kann eindeutig gezeigt werden, wie Lobbyarbeit von wirtschaftlichen Profiteuren und der politische Profit zur Beeinflussung und nachhaltigen Veränderung des Lebens der Bevölkerung führt.

Die eigentliche Tragödie: Als bei der Einführung von Zucker verdient werden konnte, wurden politisch und wirtschaftlich alle Hebel in Gang gesetzt um den Absatz zu fördern. Als später die Nebenwirkungen und Folgen von übermäßigem Zuckerkonsum wissenschaftlich nachgewiesen werden können, passiert nichts.

Ein Spiel für Zwischendurch: Finden Sie den Zucker? Die Zuckerlobby macht Ihre Arbeit extrem gut und deshalb findet man in fast jedem industriell gefertigten Lebensmittel Zucker. Machen Sie selbst den Test: Lesen Sie die Zutatenlisten von Fertigpizzen, Gewürzmischungen und Wurst (und denken Sie an die verstecken Zucker (-ose)). Wahrscheinlich essen Sie viel mehr Zucker als Sie denken. Deshalb sollten Sie selbst gemachtes Essen vorziehen und am besten Zucker durch Stevia ersetzen.

Warum Stevia Natural: Im Gegensatz zur Historie von Zucker, zahlt Stevia Natural ihren Produzenten faire Preise und ist gegen Ausbeutung. Stevia Natural versucht nicht durch politische und wirtschaftliche Beeinflussung den Steviakonsum zu erhöhen, sondern will durch Aufklärung zur Verbesserung der Gesundheit beitragen. Unser Motto: Du entscheidest selbst, mit was du süßst!

Quellen und Bildnachweis:
Bilder sind unter CC0 Public Domain lizensiert.
Quelle: Buch: Die süße Macht: Kulturgeschichte des Zuckers von Sidney W. Mintz, übersetzt von Hanne Herkommer, erschienen im 25.06.2007 im Campus Verlag.